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JETZT! Künstler im Werkbund

Rede zur Ausstellungseröffnung
26. Mai 2007
Ort: Zeche 'Unser Fritz' in Herne-Wanne.

Prof. Dr. Roland Günter

Jens Blome hat uns diesen eigentümlichen Ort erklärt. Auch er war ein Ort der Bilder. Ohne die tiefgreifenden Bilder von Menschen, Bergleuten, die einer der eigentümlichsten Arbeiten, dem Bergbau, in einer der eigentümlichsten Landschaften, dem Ruhrgebiet, nachgingen, hätte das Gebäude nicht überlebt, als Baudenkmal, - es wären später keine eigentümliche Menschen, Künstler, gekommen, um hier in einer erweiterten Weise Bilder zu ersinnen. Und wir wären nicht hier, wenn der Ort banal wäre. Jochem Ahmann hat Ihnen erklärt, wie er als ein neuer Unternehmer, als Ausstellungsmacher im Werkbund, mit seinen Leuten, vor allem Peter Buchwald, dieses Werk zustande brachte, das Sie hier nun rund um sich herum sehen. Ahmann und Buchwald sind Leute, die nicht nur selbst Künstler sind, sondern auch Zusammenhänge zu organisieren verstehen. So ist die Ausstellung >24 Künstler im Werkbund< zusammen mit dem Ort, der Künstler-Zeche, zum Kunstwerk geworden. Sie erleben, daß dies alles Zusammenhänge hat. Einzeln wäre alles gewiß viel wert, aber in dieser Komplexität erreicht es eine weitere Qualität.

Darüber hinaus gibt es noch mehr Zusammenhänge. Meine Aufgabe als Häuptling des „Netz-Werkes Werk-Bund“ ist es, für unser aller Verständnis mit ein paar Strichen ein Bild des Deutschen Werkbunds zu skizzieren. Ich will es tun mit dem besonderen Blick auf die Künstler. Der Werkbund ist wohl auf dieser Erde die Vereinigung, die die größte Spannweite hat - sie ist außerordentlich interdisziplinär. Werkbund ist keine Standes-Vereinigung. Sie kämpft nicht um Honorare. Sondern sie ist ein Laboratorium zum Denken und Machen. Zum wechselseitigen Lernen - daher interdisziplinär. Und zum konzeptionellen Arbeiten. Was haben Bildende Künstler davon ? Und was haben die vielen anderen Professionen im Werkbund von den Bildenden Künstlern ? 100 Jahre Werkbund - von 1907 bis 2007 - in ein paar Minuten auf den Punkt zu bringen, kann nur in Andeutungen geschehen. Es gibt viel Publikation zum Werkbund - ich selbst arbeite daran, noch in diesem Jahr eine Geschichte des Deutschen Werkbunds und seiner Leute zu publizieren.

Der Ausgangspunkt des Werkbundes 1907 ist das Problem der angewandten Künste. Um 1900 fliegt einiges auseinander, was wir auch heute noch sehen: sowohl als Schwierigkeiten wie als Chance. Es entstehen Paradoxien. Und daraus Probleme. Dies ist völlig ambivalent. Um 1900 schaffen hoch etablierte Künstler eine Repräsentations-Kultur, deren Inhalte immer schwächer geworden sind. In Opposition dagegen entstehen Sezessionen: vehemente Proteste - und als produktive Alternativen: eigene Wege. Zugleich bildet sich eine Künstler-Boheme, die zum erheblichen Teil keine wirtschaftliche Basis mehr besitzt. Aus der oft erzwungenen Lösung von alten Bindungen entstehen Schwierigkeiten, aber auch Freiheiten: zum Träumen, zu Experimenten, zu Verrücktheiten. So sind die Jahre vor dem verbrecherischen 1. Weltkrieg auch oder gerade unter der pompösen Dunst-Glocke des wilhelminischen Kaiser-Reiches eine schöpferische Hexen-Küche.

Es entstehen neue Felder, in denen zum erheblichen Teil überhaupt nicht entschieden ist, ob und was für eine Rolle Künstler darin spielen - ob sie ausgestoßen werden oder ob man sie umarmt. Ein riesiges Feld ist die Industrialisierung mit vielerlei Produkten, Bauten, anders strukturierter Umgebung. Sie ist gesellschaftlich höchst umstritten. 1907 und auch noch heute. Haben Künstler darin etwas zu suchen ? Es gab schon vor 1907 Annäherungen an die Industrie. Sie waren unterschiedlicher Art. Die Industrie dringt auf Banalitäten, die leicht herstellbar sind. Viele Künstler liefern ihr zu. Konsumenten fressen sie - ohne Kritik. Man spricht schon damals sinngemäß vom Versauen. In diesem Spannungsfeld, in das die angewandten Künste geraten, beginnt 1907 das >Einmischen und Eingreifen< des Werkbunds, der sich als Opposition und als Alternative gründet. Ein Ereignis kommt geradezu meteoritenhaft vom Himmel: Im Gründungs-Jahr wird eine Art Leonardo, ein Alles-Könner namens Peter Behrens, von der Weltfirma AEG, die damals die Zukunfts-Industrie war, berufen: Er soll sämtliche ihrer Erzeugnisse gestalten. Er macht dies bravourös. Er zeigt Chancen für die Gestaltung in einem umstrittenen Feld. Ohne dieses Ereignis hätte es im Werkbund die programmatische Verbindung von Kunst und Industrie wohl nicht gegeben, zumindst nicht in ihrer Ausdrücklichkeit. Es war eine Liebe, die seitens der Industrie mehr enttäuscht als erwidert wird - bis heute ist es ein unsicheres Verhältnis - eine anhaltende wechselseitige Haß-Liebe von Künstlern und Industriellen. Aber diese Verbindung von Industrie und Künstlern schafft vor allem seit den 1950er Jahren das weltweit verbreitete Design. Wer es hat oder anschaut, weiß nur selten, daß seome Großväter und Großmütter im Werkbund waren. So geht es dem Werkbund seit 1907 zunächst um eine höhere Qualität in den angewandten Künsten. Künstler sollen Produkte gestalten und dadurch erheblich verbessern. Von erhöhter Qualität verspricht man sich auch erhöhte Wirtschafts-Chancen. Dies ist dasselbe Problem, das wir heute, also buchstäblich jetzt, in der deutschen Wirtschaft haben. Das Banale können inzwischen alle. Die Chanchen eines entwickelten Landes liegen einzig in seinen Qualitäten.

Wenn wir genau hinschauen, können wir entdecken: Sämtliche Probleme, die der Werkbund aufgegriffen hat, sind 2007 genau so aktuell wie 1907. Dies macht den Werkbund spannend. Allerdings hat er selbst das Problem, seine anregende Problem-Geschichte erst teilweise begriffen zu haben. Überall entwickelt sich um 1900 eine starke Scheidung in angewandte und freie Künste - und daraus entsteht eine unendliche Diskussion - bis zu uns. Bernhard Küppers, einer der Künstler, die hier ausstellen, hat die produktiven Möglichkeiten eines Zusammenhanges ausgezeichnet skizziert - man könnte es wegweisend nennen: mit dem, was er in seiner freien Kunst, in seiner Bildhauer-Tätigkeit experimentierte, hat er seine angewandte Tätigkeit, seine Architektur als Stadtbaumeister weiter gebracht. Dazu ließe sich diskutieren. Im Werkbund gibt es viele dieser Zusammenarbeiten. dd Als Beispiel für viele nenne ich: Werner Ruhnau und viele Künstler - am Theater in Gelsenkirchen. Wer schreibt das Buch zu solchen Zusammenwirkenden ? Weltweit bewegend wurde die wichtigste Werkbund-Gründung: das Bauhaus (1919/1933). Darin haben - sehr diszipliniert - einige der größten freien Maler, Kandinsky, Klee, Feininger, Muche, Moholy-Nagy, Scheper, Schlemmer, die Basis für die weitere Arbeit in den angewandten Künsten gelegt. Bis 1970 waren die Kunstgewerbeschulen, dann Werkkunstschulen nach dem Werkbund-Bauhaus-Konzept strukturiert. Die Reformen, die ihnen substantiellen Rang verliehen, stammen aus dem Werkbund. Ein großer Teil ihrer Direktoren und Lehren waren im Werkbund und bezogen daraus ihre Impulse. Die sogenannten Hochschulreformen um 1970 haben zwar ihren Rang erhöht, sie zu Hochschulen gemacht, aber sie substantiell weithin geradezu zerfetzt - weil ihnen im wesentlichen ein denkerischer Hintergrund fehlte. Die Klügeren arbeiten heute noch in diesem Spannungs-Feld, das vom Bauhaus ausformuliert wurde, - und wissen, was sie davon haben. In der Gesellschaft wurde dies nicht gut begriffen. Und nahezu überhaupt nicht im Kunstmarkt, dessen Struktur eine völlig andere ist. Dies wäre eine hochbrisante Diskussion. Eine Diskussion mit den Aspekten, die die Positionen von Künstlern berühren - und ihnen hohe Unsicherheiten in vielerlei Hinsicht schaffen. Die Künstler-Existenz ist einerseits wirtschaftlich schwierig und andererseits wiederum großartig - das wissen hier alle. Warum das so ist, dazu müßten wir in nächster Zeit analysierend diskutieren.

Ich will hier nur noch auf einige Künstler-Namen hinweisen, die zur Werkbund-Geschichte gehören. Der Werkbund war immer pluralistisch. Es ist Unsinn, wenn Kunstgeschichte versucht, stilistische Reihen zu erfinden. Man bekommt sie nicht auf eine Reihe, sondern muß sie in ihrer Unterschiedlichkeit parallel sehen: Gustav Klimt. Max Pechstein. Heinrich Campendonk. Johan Thorn Prikker. Hermann Kätelhöhn. Vielfältig sowohl angewandt wie frei arbeiteten: Peter Behrens. Hellmuth Ehmke. Bernhard Pankok. Bernhard Hoetger. Emil Pretorius. Max Burchartz. Walter Dexel. Ich nenne einige Fotografen: Albert Renger-Patzsch. Hugo Erfurth. Krajewski. Hugo Schmölz. Nach dem 2. Weltkrieg: Georg Meistermann. Ewald Mataré. Edwin Scharff. Max Bill. Walter Dexel. Der Maler Arnold Bode gründete die Documenta. Angewandt: Anton Stankowski. Jupp Ernst. Blase. Otl Aicher. Winterhager. Fotografen: Lieselotte Strelow. Otto Umbehr. Wolfgang Weber. Goldschmiede. Elisabeth Kadow. Elisabeth Treskow. Viele Keramiker. Lichtkünstler wie Johannes Dinnebier. Industrie-Gestalter. Werner Glasenapp. Günter Kupetz. Pohlschröder. Rasch. Knoll. Erco. Dinnebier.

Die Namen der Künstler, die hier ausstellen, sind ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Werkbunds. Gerade im Bereich der Künste ist einer der Antriebe seit jeher das Gefühl, daß von Menschen etwas bleibt. Ein Katalog-Buch wird dieses temporäre Erlebnis verewigen.

Jetzt habe ich noch eine ganz besonders wichtige Mitteilung. Der Deutsche Werkbund NW hat sich ein Forum geschaffen, das zum Besten im Land gehört: die Werkbund-Akademie. Geleitet wird sie von einem Mann, der hier auch unter den Künstlern ist: Gestern abend hat ihn ein intelligenter italienischer Kellner angesprochen mit Dottore da Vinci. Da ist eine Menge dran. Diese Akademie findet einmal im Jahr statt - jetzt bald am Wochenende vom 8. bis 10. Juni. Das Thema ist einzigarttig: Architektur als Bühne. Das umfaßt alle Künste. Es ist die schönste Weise der Künste, sich in einen Zusammenhang zu stellen. Auf der Bühne gibt es die großartigsten Gedanken. Ganz praktisch: Anmelde-Zettel liegen da drüben. Jetzt ist jetzt eröffnet.


Informationen zur Aussstellung


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