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Zusammenhänge 1908-2007

Zur Geschichte des Werkbundes. Theodor Heuss schreibt 1937 in der Biografie seines Mentors Friedrich Naumanns: »Die Geschichte des Werkbundes ist noch nicht geschrieben worden, eines der wichtigsten und bewegendsten Kapitel der deutschen Geistesgeschichte dieser Epoche.«
Für die Nachkriegs-Zeit gibt es nur wenig Publikationen und keine Archivierung der geleisteten Arbeiten.

Kritik: Das Werkbund-Archiv hatte bisher keine Lust, systematisch zur Werkbund-Geschichte zu sammeln. Es macht lieber Ausstellungs-Projekte, die weder sein Ziel sind, noch zu seinen vom Berliner Senat finanzierten Aufgaben gehören. Schade.

Der Speicher: das gemeinsame Gedächtnis. Der Werkbund hat immenses Material und Objekte zur Geschichte der prägenden Avantgarden des 20. Jahrhundert geliefert.
Dieses Buch soll beitragen zum speichernden gemeinsamen Gedächtnis für die am weitesten ausgefächerte Vereinigung, die für die Avantgarden des 20. Jahrhunderts eine große Rolle spielte (Bauhaus, Design, Architektur, Stadt-Planung, Landschafts-Ökologie und anderes).
Die Erinnerung ist eine der wichtigen Treib-Kräfte der interdisziplinären Werkbund-Familie. Sie arbeitet in einem breiten Spektrum an gesellschaftlichen Problemen – sie ist mit ihrem Speicher an Erfahrungen und Herausforderungen für die Wissens-Gesellschaft sehr nützlich.

Industrialisierungs-Phasen. Die erste Industrialisierungs-Phase beruht auf komplexen technischen Entwicklungs-Schritten, die sich über ein Jahrhundert hinweg vorbereiteten und die es schließlich ermöglichten, Dampfmaschinen und Arbeitsmaschinen aus Eisen zu bauen.
In der Folge entstanden nach 1835/1840 die Maschinenbau-Industrie und die Textil-Industrie.
In den 1860er Jahren wurden Kunstgewerbeschulen mit ausgebildeten Entwerfern gegründet. Für ein neues spezialisiertes Berufsbild von Gestaltern.
Die zweite Industrialisierungs-Phase bildet sich um 1870/1880 mit den Leitsektoren Elektrotechnik und chemische Industrie.
Sie entwickelt und differenziert sich gegen 1900: Über Investitions-Güter hinaus werden nun in umfangreicher Weise Konsum-Güter produziert. Aus der ersten Konsum-Phase entsteht als Reaktion sowohl zur Korrektur wie mit dem Versuch sie zu dirigieren 1907 der Werkbund.

Die Industrie-Epoche entwickelt sich in vielen Bereichen ganz anders als vorhergehende Epochen. Es entstehen in mehreren europäischen Ländern in jeweils einigen Bereichen (noch nicht im ganzen Land) gewaltige Produktiv-Kräfte. Dies ist ein ständiger Prozeß.
Er bringt heftige Schwankungen und Konflikte mit sich.
Paul Breitum 1890: »Der glückliche [!] Krieg 1870/71 mit seinem Milliardensegen [an Reparationen Frankreichs] brachte einen enormen Aufschwung in allen Industrien hervor. Die Gründerperiode ließ sogar den Handwerker eine Zeitlang den Verlust seiner Zunftprivilegien vergessen, da die Produktion auch ihm erhöhten Nutzen brachte und Kapitalien gegen geringe Prozente stets zur Verfügung standen. Mancher Zunftmeister schwang sich damals zum Kapitalisten herauf.
Der große Krach von 1873 machte hunderte von Kapitalisten zu Lohnarbeitern, tausende Lohnarbeiter zu Bettlern. Immer größer wurde das Elend. Der bürgerliche Mittelstand, der theils seine kleinen Kapitalien zu Aktienunternehmungen verliehen, theils selbst Gründungen betrieben hatte, mußte am meisten bluten. Handwerker fallirten schaarenweise und vermehrten die Reihen der Arbeitslosen.
Aber als energischer Protest gegen diese Produktionswirtschaft wuchs die Arbeiterbewegung. Drohend trat das rote Gespenst auf und trotz Ausnahmegesetz und Knebelung nahm die Sozialdemokratie, analog den immer schreiender zu Tage tretenden Gegensätzen zwischen Arm und Reich, Kapitalist und Proletarier, von Jahr zu Jahr zu, zur größten Besorgniß der Regierungen.«(1)

Ständiger Struktur-Wandel. Als Prozeß verläuft er nicht geradlinig, sondern er ist ein ständiger Struktur-Wandel. Um 1900 wird er besonders vehement.
Breite Schichten kommen hoch. Zwei Zahlen lassen den Sprung an Vermögens-Zuwachs abschätzen. 1895 wird das Gesamteinkommen in Deutschland auf 21 Milliarden Mark geschätzt, eine Generation später (1913) auf 40 bis 50 Milliarden.

Pluralismus. In dieser gesellschaftlichen Expansion und im damit verbundenen Wandel entsteht ein bis dahin ungekannter innerer Pluralismus. Diese Vielheit von Möglichkeiten bringt nicht nur vielerlei Möglichkeiten mit sich, sondern auch eine Fülle von Widersprüchen.

Der Kosmos des Werkbunds. Dies ist das Terrain, in dem 1907 der Werkbund entsteht. Er trägt im Kleinen tatsächlich und symbolisch diesen eigentümlichen Kosmos seiner Zeit in sich.
Der Kosmos prägt den Werkbund bis heute. Nicht weil er dies unbedingt so will, sondern weil die Verhältnisse in unserer gegenwärtigen Gesellschafts-Struktur eine ähnliche Prägung besitzen.
Daher sind die Probleme, die zur Gründung des Werkbunds 1907 führten, heute – nach seinem 100-jährigen Bestehen – ähnlich. Und sie werden es, wenn man die Struktur begreift, auch die nächsten 100 Jahre sein.

Das Zeitalter kennenlernen. In Nordrhein-Westfalen ist das Thema Industrie-Kultur ganz besonders entwickelt. Aber: Das Zeitalter ist keineswegs verstanden. Wir kennen unsere eigene Zeit noch viel zu wenig – wir müssen sie verstehen lernen.(2)
Der Mangel an denkerischer Dimension hat in vieler Hinsicht schwierige Folgen.
Die täglichen Debatten über Wirtschaft, Soziales, Infrastruktur u. a. zeigen erschreckende Erkenntnis-Armut: Wenn die Diskutanten wüßten, wie die Entstehungs-Geschichte von Problemen läuft, welche Leistungen in bestimmten Bereichen stecken, würden sie damit anders umgehen.
Daher haben wird die Notwendigkeit, die denkerische Arbeit zu intensivieren.


Anmerkungen

1    Aus: Paul Breitum, Das untergehende Handwerk und seine Rettung. Elberfeld 1890, S. 16.

2    Siehe dazu auch: Roland Günter, Besichtigung unseres Zeitalters. Industrie-Kultur in Nordrhein-Westfalen. Essen 2001.


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