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1919-1924: Die erste Phase der Zwischen-Kriegs-zeit

Der Bruch. Der Krieg nahm der brüsk geschlossenen Kölner Ausstellung von 1914 den größten Teil ihrer Wirkungs-Möglichkeiten – am Ende des furchtbaren Schlachtens hatten sich die Verhältnisse tiefgreifend verändert. Dies hatte auch auf den Werkbund starke Auswirkungen.
Die Potentiale der Vorkriegs-Zeit sind zwar weitgehend erhalten, aber sie werden in den Strudel tiefgreifender Irritation gezogen. Dies führt dazu, daß der Werkbund sich allenthalben versucht, neu aufzustellen – vor allem im Hinblick auf eine durch und durch geschüttelte Gesellschaft. Diese ist in ihren wirtschaftlichen und in ihren öffentlichen Möglichkeiten schwerwiegend beschädigt.

Absturz und Aufbruch. Die einen verkraften den Absturz nicht und greifen sich, da die Verantwortlichen im Inneren und im Äußeren (die Alliierten) nicht faßbar sind, die Nächstgreifbaren. Tiefe Feindschaften entstehen – ein ständiges Aufflammen von bürgerkriegsartig gewalttätig ausgetragenen Konflikten, mit paramilitärischen Organisationen einiger Parteien.
Andere, noch mit dem Vorkriegs-Selbstbewußtsein, versuchen die Situation, die auch manche ›tabula rasa‹ geschaffen hat, produktiv zu nutzen.

Die soziale Bewegung hat eine bis dahin ungeahnte Macht erhalten. Aber sie zerteilt sich unheilvoll und lähmt sich durch innere Kämpfe. Kommunisten erklären Sozialdemokraten zu Sozialfaschisten. Sozialdemokraten befehden Kommunisten, als brächten sie das Ende der Welt. Rechts entwickelt sich der Nationalsozialismus, der sich schließlich von der Großindustrie finanzieren läßt und mit ihr als Gegenleistung paktiert.

Expressionismus. Die erste Nachkriegs-Phase des Werkbunds bis 1924 drückt die Irritationen aus in einer Ausdruckssprache, die semantisch ungenau mit Expressionismus benannt wird.
Von allen »gutbürgerlichen« Hemmungen befreit, wird darin Außerordentliches entfesselt. Einzigartig: Es entwickeln sich außerordentlich kreativ soziale Gedanken in künstlerischer Weise – vor allem im Wohnungsbau. Später hat die soziale Bewegung dies nie verstanden und für sich fruchtbar gemacht.

Die Inflation. Eine weitere Katastrophe ist die Inflation – als Teil einer tiefgreifenden weiteren Wirtschafts-Krise. Sie verarmt das wohlhabende Bürgertum, dem die gesparten Geld-Werte zerschmelzen. Sie bringt alle Planungen eine Zeit lang auf Null.

Höhepunkt. Walter Gropius: »Ich durchlebte eine Mischung aus tiefer Niedergeschlagenheit, die der Niederlage im Krieg und den Auflösungserscheinungen im Geistes- und Wirtschaftsleben folgte, und aus glühender Hoffnung auf das Verlangen, etwas Neues auf diesen Ruinen aufzubauen ohne die drückende Vormundschaft des Staates.«(1) Man darf den Trotz bewundern, wie in den schwierigsten Verhältnissen Walter Gropius mit seinem Team den Höhepunkt der Werkbund-Idee entwickeln: das Bauhaus. Theodor Heuss schreibt: Das Bauhaus ist ein »Mekka der Jugend«.
Als das Bauhaus schließlich 1924 in Weimar der NS-Rechten in Allianz mit den Konservativen zum Opfer fällt, fängt dieses Team in Dessau noch einmal von vorn an und arbeitet erneut in der brillantesten Weise.
Der Werkbund ist nicht nur beteiligt, sondern steckt ideell und personell in der Struktur dieser bedeutendsten kulturell-künstlerischen Entwicklungs-Stätte des Jahrhunderts.
Das Bauhaus steht für die Ambivalenz dieser Zeit, die auf der einen Seite voller Zerstörung ist und auf der anderen so vieles schafft, was für das Jahrhundert und darüber hinaus von Bedeutung ist.


Anmerkung:

1    Walter Gropius 1963 im Brief an Tomas Maldonado. Reginald Isaacs, Walter Gropius. Der Mensch und sein Werk. Band 1. Berlin 1983, 459.


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