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1925-1929: Zwischen-Kriegs-Zeit - zweite Phase

Die zweite Phase des Nachkriegs-Werkbunds ist kurz, nur fünf Jahre, aber heftig aufstrebend. War bis dahin die Produkt-Gestaltung im Werkbund am stärksten ausgeprägt, wird es nun die Architektur mit dem »Neuen Bauen«.
Das ›Neue Bauen‹ und seine parallelen Gestaltungen in anderen Kunstgattungen fallen nicht vom Himmel, sondern bauen auf den vorhergehenden Werkbund-Phasen auf. Ihre Charakteristiken: Sie radikalisieren Ideen. Und sie purifizieren sie. Daraus beziehen sie ihre besten Wirkungen. Höhepunkt von Werkbund-Gedanken ist das Bauhaus in seiner zweiten Phase.
An die Stelle der Orientierung auf das Handwerk tritt nun weitgehend die Industrie-Produktion.
Ein einzigartiges Experiment ist die Probe, ob Form auch ohne Ornament bestehen kann. Sie gelingt glänzend. Allerdings wird sie von vielen Zeitgenossen und von Späteren als alleiniges Credo missverstanden – dies ist jedoch im pluralistischen Werkbund keineswegs der Fall. Es gibt daneben weiter Konzepte.
Die kurze Konjunktur wird in vielen Bereichen genutzt. Werkbund-Leute sind dafür vorbereitet und liefern Höchstleistungen. Im Ruhrgebiet sind es Alfred Fischer und Fritz Schupp mit ihren Industrie-Bauten. Zu den Höhepunkten wie das Bauhaus-Gebäude in Dessau von Walter Gropius und dem Barcelona-Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe kommen landauf landab eine Fülle ausgezeichneter Werkbund-Bauten. Vor allem die Kreativität des Bauhauses liefert dafür Ausstattungs-Ideen.

Kapital-Zufluß. Nach dem Ende der Ruhr-Besetzung und der Inflation entsteht bei einem Teil der Alliierten die Erkenntnis, daß die deutsche Katastrophe nicht weitergehen soll.
Aus einer Wende versucht vor allem die USA Vorteile zu schlagen. Deutschland wird ein Feld für Kapital-Investitionen. Vorbedingung dafür ist der Anschluß des seit 1914 isolierten Landes an den Weltmarkt. Dies führt zu umfangreichen Modernisierungen. In den späten 1920er Jahren wachsen sich die Rationalisierungs-Wünsche der Industrie bereichsweise aus: zu einem »Rationalisierungsaberglauben«.
Wer sein Vermögen in Sachwerten angelegt hatte, konnte es retten. Das Reich läßt diese große Gruppe nun jedoch nicht ungeschoren – sie soll dazu beitragen, für die Verarmten bessere Bedingungen zu schaffen. Dies geschieht durch soziale Maßnahmen und durch Wohnungsbau.
Die Hauszins-Steuer – von Haus- und Grundbesitzern hart bekämpft – leitet 50 Prozent der Mittel in den sozialen Wohnungs-Bau, der damit eine breite Konjunktur bekommt. Die meisten Wohnungen der 1920er Jahre entstehen in den folgenden vier Jahren.

Geltung des Reiches. Erst 1930 räumen die Alliierten die linkrheinischen Gebiete. Aufgrund vieler objektiver Leistungen taucht bereichsweise wieder der subjektive Gedanke der Priorität Deutschlands auf. Aber wenn man dies beurteilen will, muß man vergleichen: Andere Länder betreiben den Gedanken ebenso – und teilweise absurder. In Deutschland wird er durch die Katastrophen konterkariert.

Der Ruf des Werkbunds entsteht vor allem durch die Ausstellungs-Tätigkeit. In den Ausstellungen, die wir gern nur als Architektur lesen, spielen auch Raum-Ausstattung und Kunstgewerbe eine große Rolle. Die Ausstellungen in den 1920er Jahren beziehen sich sehr stark auf das Kunstgewerbe.

Der Konkurrenz-Streit. In den 1920er Jahren wird eine Kluft aufgeworfen – künstlich d. h. ideologisch: angeblich zwischen denen, die die Tradition bewahren wollen, und denen, die auf Neues vertrauen. Es ist in dieser zugespitzten Weise großenteils Behauptung. Vor allem 1927/28 in dem Streit, den die »Stuttgarter Schule« der Architekten des »Block« (1927; Paul Bonatz, Paul Schmitthenner u. a.) vom Zaun bricht. Es spielt auch eine Rolle, daß es zwischen Stuttgart und Berlin Unterschiede im Milieu gibt.
Der Kern dieser Debatte sind jedoch weder Tradition noch Milieu. Sie werden lediglich als Vorwand genommen. Tatsache ist, daß es sich heftig um Konkurrenz-Kämpfe einer Gruppe um Paul Bonatz und Paul Schmitthenner handelt, die ausgezeichnet mit großen Aufträgen im Geschäft sind, aber die Furcht haben, daß die Avantgarde der Architekten des »Ring« (Mies van der Rohe, Walter Gropius, Peter Behrens, Ludwig Hilberseimer) ihnen das Feld abnehmen könnte.
Diese Bonatz/Schmitthenner-Gruppe instrumentalisiert einen Gegensatz der Anfangs-Zeit, der sich später eher abgebaut hatte – und hängt sich nun ein in die Tendenz einer nationalistischen Strömung, die dann rasch zu Hitler führt. Dabei benutzt sie auch den politisch aufgepeitschten Antisemitismus. Diese Gruppe ist nicht groß, aber radikal. Ihr Exponent Paul Schmitthenner tritt 1926 aus dem Werkbund aus – und versucht ihn 1933 in seiner Weise zu übernehmen.

Hochleistungen. Tatsächlich ist erstaunlich – auch für die Welt – wie ein derart getroffenes Deutschland Bereiche von hohen und höchsten Leistungen entwickelt.
Das Groteske: Gerade die Nationalisten, die am meisten die Bedeutung Deutschlands behaupten, bekämpfen aus dem Gefühl ihrer eigenen substantieller Leere die substantiellen Leistungen – bis zur Vernichtung 1933. Als ihre eigenen Leistungen setzen sie auf archaische Ziele – modern etikettiert. Tatsächlich: auf Stammes-Denken, auf einen Führer und auf gröbste Gewalt. Fortschritt und Rückschritt zeigt sich vor allem in den unterschiedlichen Denk- und Verhaltensweisen.
Das Bessere deutet Ernst Jäckh 1929 an: »So drückt es ein junger Historiker in den ›Preußischen Jahrbüchern‹ aus: Dieses Deutschland steht da wie eine jener modernen Ingenieurbauten, die, aus anorganischen Stoffen wie Eisen und Glas statt der organischen früherer Jahrhunderte errichtet, trotz scheinbar leichtester und gewagtester Konstruktion, eine unerschütterliche Festigkeit besitzen durch die geistigen Energien, die an ihnen mitschaffen.«(1)
Aufmerksam gelesen steckt darin auch die Beobachtung der Fragilität der Situation. Der Optimismus wird rasch erschlagen. Es wiederholt sich in diesem eigentümlichen Land, daß es in einer Aufwärts-Bewegung mit den besten Perspektiven wie 1914 den Keulenschlag der Katastrophe gibt. Tragisch: Kaum mehr als ein Jahrzehnt ist einer breiten Höchstleistung an Kultur vergönnt.


Anmerkung:

1    Ernst Jäckh, Idee und Realisierung der Internationalen Werkbund-Ausstellung ›Die neue Zeit‹ Köln 1932. In: Die Form Heft 15/1929. In: Felix Schwarz/Frank Gloor (Hg.), ›Die Form‹ Stimme des Deutschen Werkbundes 1925–1934. Gütersloh 1969, 57.


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