Zum Inhalt | Zur Hauptnavigation |

1933/34: 3. Phase der Zerstörung - Besetzung und Besatzung im Werkbund

Die Übernahme des Vorstands geschieht am 10. Juni 1933. Jetzt greifen die NS-Leute fest zu. Vorstand und Ausschuß »einigen sich«. [Jetzt muß man alles in Anführungs-Zeichen setzen, was dazu publiziert wird! – denn der Autor ist wohl der übergelaufene Otto Baur.] Neuer Vorsitzender soll Carl Christoph Lörcher (NSDAP) werden. Beisitzer: Ernst Jäckh, Richard Riemerschmid, Wilfried Wendland (NSDAP) und Paul Schmitthenner (NSDAP). Zwei Etablierte gegen drei NS-Oktroyierte.

Gegenstimmen. Im Vorstand stimmen dagegen: Martin Wagner, Walter Gropius und Wilhelm Wagenfeld.
Wilhelm Wagenfeld ist ein unverblümter NS-Gegner. Er sagt im Mai im Vorstand. »Dieser Kampfbund ist eine Schmach für Deutschland.« Wagenfeld weist hin auf antisemitische Aktionen, auf Säuberungen der Hochschulen und Museen, auf Schrift-, Musik-, Bühnen- und Film-Zensur. Auf die Schließung des Bauhauses in Berlin.
Nach der Abstimmung legen erst Martin Wagner und dann Walter Gropius ihr Vorstands-Mandat nieder.(1)

Der einzige Ausschluß. Sogleich folgt die Strafe für Martin Wagner: Der »Führer« Lörcher schließt ihn aus dem Werkbund aus. Einen Ausschluß aus dem Werkbund hatte es bis dahin, so weit wir wissen, niemals gegeben. Es ist auch kein Ausschluß im nach 1945 wieder erstandenen Werkbund bekannt.

Das Kuckucks-Nest. Dann wirft die NS-Führung nacheinander die Vorstands-Mitglieder aus dem Vorstand. Es geht zu wie im Nest, in dem der Kuckuck die anderen Vögel herauskippt. Kurz danach wird auch Ernst Jäckh beseitigt. Und Lörcher wirft Richard Riemerschmid raus – und setzt an seine Stelle den BDA-Vorsitzenden Karl Johann Fischer, ein aktives NS-Mitglied. Dies ist ein krudes Strickmuster einer Macht-Übernahme.

Der eingesetzte Führer. Der Werkbund ist nun gleichgeschaltet. Der als »Führer des Werkbundes« eingesetzte Vertrauensmann der NSDAP legt mit großen Worten ein Bekenntnis zum Führer Adolf Hitler ab.
Man möchte gern wissen, wer in der NS-Partei-Zentrale oder anderswo die Fäden gezogen hat, um Lörcher »einzusetzen«.

Abräumen. Der Ton der neuen Machthaber ist drastisch. Sie räumen ab – mit allem, was Werkbund war, oft mit einem einzigen Satz. NS-Führer Wendland erklärt 1933: »Nicht das neue Wohnen, nicht ein neues Lebensgefühl … sondern das Verhältnis des Menschen zum Boden, zum Volk, kurzum neue Gesinnung« ist Urteils-Kriterium, »deshalb müsse eingesehen werden, daß der Weg zur Weissenhofsiedlung … ein Irrtum des Werkbunds war«.(2)
Deutlicher kann sich die Umwertung aller Werte nicht ausdrücken.

Die langen Schatten der NS-Macht. Walter Gropius schreibt wenige Tage später am 15. Juni 1933 an Hans Poelzig: Deutscherseits sei in Italien der Wunsch ausgesprochen, seine und Mendelsohns Sonderschau [in der Triennale in Monza] abzuhängen und vom offiziell Beauftragten seien aus der Lichtbild-Sammlung des Werkbunds die Lichtbilder von Gropius und Mendelsohn herausgenommen. Mies habe man nicht beanstandet.
Walter Gropius ging der Sache nach. Geheimrat Sievers im Ministerium habe Auskunft erteilt, aber um Vertraulichkeit gebeten. Der Vorgang: Im Auftrag von Hinkel wurde Wendland zu Sievers geschickt. In mehreren Besprechungen wurde die Aufforderung gestellt. Das Auswärtige Amt lehnte jedoch ab, die Sache über die Botschaft weiterzuleiten, es verlangte, der Kampfbund solle selbst bei der Triennale vorstellig werden. Dies geschah, aber die Italiener »haben getan, als ob sie nicht verstünden.« Allerdings kam ein Vertrag mit Gropius nicht zustande – »die Italiener haben [sich] also … zurückgezogen, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen«.
»Da ich aber keine Neigung habe auszuwandern, denn ich fühle mich hier zu Hause …«, notiert Walter Gropius. Daher will er »die Sache nicht hoch hängen«. Er findet es lächerlich, daß man ihn versteckt.(3) – An dieser Äußerung kann man erkennen, daß es über den Ernst der Lage keine Schwarz-Weiß-Vorstellung gibt.

Übernahme der Zeitschrift »Die Form«. Rasch, im Juni 1933, setzen sich die NS-Leute Lörcher und Wendland in den Besitz der Werkbund-Zeitschrift »Die Form«.
1934 schreiben sie: »Unser programmatisches Heft ›Die bauliche Gesinnung unserer Zeit‹ löste erfreulicherweise eine große Zahl begeisterter und zustimmender Zuschriften aus.« Von wem? Sie fügen hinzu: »Nur [ihr Opponent] Walter Gropius, Berlin, fand es ›einfach verheerend‹.« Und sie schließen daraus: »Wir sind also auf dem richtigen Weg.«(4)

Vereins-Leben. In dieser Phase tun die Machthaber noch so, als sei das Vereins-Leben weiterhin erlaubt. So kann am 22. Januar 1934 Theodor Heuss in der »Nationalsozialistischen Vortragsgesellschaft« einen Vortrag halten: »Was ist Qualität?« Mit Sicherheit macht er dies unpolitisch.

Satzung und Führer-Prinzip. Die gleichgeschalteten d. h. übernommenen Vorstands-Mitteilungen Nr. 5. Berlin publizieren am 12. Juli 1933: »Der neugewählte Vorstand kam am 3. Juli 1933 in Stuttgart zu seiner ersten Sitzung zusammen. [Wer hat den Vorstand »gewählt«? Die NS-Leute mußten auf äußeren Druck kooptiert werden.] Die Besprechungen über einen neuen Satzungsentwurf ergaben Uebereinstimmung dahin, daß die Satzungen auf das Führerprinzip umgestellt werden.«(5) [Ein typisches Statement für die Akten!]
Das Führer-Prinzip hebelt das Vereinsrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches aus – es kehrt die Verhältnisse total um: Nicht mehr von unten wird der Vereins-Rahmen bestimmt, sondern hierarchisch von oben – die Diktatur ist im sterbenden Werkbund eingeführt.
Vorsitzender, d. h. »Führer«, ist der Architekt Carl Christoph Lörcher (Berlin), ein Vertrauensmann der NSDAP. Stellvertreter der Architekt Winfried Wendland, Kunstreferent im Preußischen Kultusministerium. [Wendland, Beauftragte für die ›Gleichschaltung‹ der Künstlerverbände beim preußischen Kultus- und Hochschulminister Bernhard Rust, wurde gezielt eingeschleust.] Beide sind Mitglieder im nationalsozialistischen ›Kampfbund für deutsche Kultur‹.
Gern wüßte man mehr über die Sitzung und über die Haltung der einzelnen Vorstands-Mitglieder. Dazu gibt es leider keine Nachrichten. Und die Überlebenden wurden nicht dazu gefragt – schade.

Macht. Carl Christoph Lörcher antwortet wenige Tage später, am 22. Juli 1933, auf eine Anfrage von Richard Riemerschmid: »Wenn Sie wieder jemand fragt, woher ich meine Vollmacht habe, würde ich Sie bitten, den Frager an mich zu verweisen, damit ich demselben dann eine entsprechende [!] Antwort erteilen kann. Mit deutschem Gruss …«(6) Der drohende Unterton ist unüberhörbar: Man darf nicht nach den Grundlagen der Macht fragen – denn nun »legitimiert« sich Macht aus der Macht.

Fragebogen. Im Juli 1933 erhalten alle Mitglieder ein Rundschreiben des »Führers« des Deutschen Werkbundes: Sie sollen einen Fragebogen sehr unangenehmer Art ausfüllen.(7)

Alt und neu. Paul Schmitthenner spricht in einem Brief an den Staatskommissar Hans Hinkel (13.9.1933) vielsagend vom »Deutschen Werkbund alter Prägung«.(8) Dies bedeutet: Der alte Werkbund ist tot – es gibt jetzt einen Verband, der sich als Werkbund ausgibt, es aber nicht ist.

Eine Kommission bereitet die Jahres-Versammlung 1933 vor. Darin sind noch Ernst Jäckh und Richard Riemerschmid, und auf der anderen Seite Otto Baur und Paul Schmitthenner.

Die Drohung. Vier Wochen vor der Jahresversammlung gibt der Führer den verbliebenen Werkbund-Mitgliedern drohend die prinzipielle Richtung an. In einem Schreiben an alle Mitglieder 1.9.1933 stellt er heraus, daß jetzt die NS-Stromlinie gilt: »Die Werkbund-Tagung 1933 bedeutet aber auch eine grundsätzliche Trennung von allen Versuchen problematischer Natur.«(9) Dies umschreibt die Ermordung des alten Werkbunds. Als »problematisch« gilt den NS-Leuten nahezu alle bisherigen Tätigkeit im Werkbund.
Die Nationalsozialisten verlangen, was unmöglich ist: Eine einheitliche Ästhetik – nach ihrem Geschmack.
»Mit der Auslieferung [an die NS-Machthaber] mußte sich der Bund zwangsläufig bis zur Unkenntlichkeit verändern, wenn er nominell weiterbestanden hätte.« (Bazon Brock)

Die erzwungene Akklamation. Die 22. Jahresversammlung findet vom 29. September bis 1. Oktober 1933 in Würzburg statt. Sie ist mit Druck und Ritualen so inszeniert, daß niemand widersprechen kann – ohne in die größten Schwierigkeiten zu kommen. Was Schwierigkeiten bedeuten, weiß inzwischen jedermann.

Ohne Diskussion. In der Einladung können die Leute lesen, daß es zur neuen Satzung keine Diskussion gibt. Wer will da noch von »legal« reden, wo ein Grundrecht der Versammlungs-Freiheit, die Diskussion, mit Füßen getreten wird. Folglich gehen die Opponenten gar nicht zur Versammlung.
Zur Jahresversammlung wird auf das DWB-Logo das Hakenkreuz gesetzt. Die formelle Übernahme einer NS-Verordnung wird beschlossen: Führer-Prinzip und Zentralisierung in Berlin. Hinzu kommt, was zum »NS-Ausräumen« gehört: der Ausschluß von »Nichtariern«.
Die Versammlung endet mit der Inszenierung einer »Huldigung an den Führer«. Angeekelt verläßt daraufhin auch Richard Riemerschmid, Mitgründer, viele Jahre Vorsitzender, hochverdienter Motor, den Werkbund.

Propaganda-Bericht. In der bereits gleichgeschalteten »Form«, Nr. 10, 1933, erscheint dazu ein Bericht, der das schillernde und bluffende Doppelspiel der neuen Machthaber offenlegt. Satz für Satz ist darin NS-Ideologie erkennbar: »Die Bedeutung der Tagung lag, wie der stellvertretende Führer Wendland vor dem Vorstand ausführte, in der Entscheidung [es ist längst entschieden!], ob der Werkbund wirklich als Deutscher Werkbund in den neuen Aufbau des Staates eingegliedert [!] werden soll, oder ob er als kleiner Privatverein weiter bestehen will. [Dies wäre doch wohl kaum möglich gewesen!] Er verlangte einen Beschluß, ob der von dem früheren Vorsitzenden Jäckh eingeschlagene Weg [in dieser Zuschreibung ist dies nicht geschehen], der zur Einsetzung eines vorläufigen Vorstandes mit dem Architekten Lörcher an der Spitze geführt habe, als richtig anerkannt werde … [hingenommen wird – auch noch mit einem Bekenntnis ausgestattet]
Wendland beschrieb eingehend die einzelnen Möglichkeiten, von denen die Annahme der neuen Satzung zu Kampf, zu strengster Geschlossenheit [!], zu unermüdlicher Arbeit und zu großen Opfern [?] führe, die Ablehnung dagegen in ein beschauliches, vielleicht sehr schönes und ruhiges Vereinsdasein [dies wäre keineswegs die Alternative geworden].
An der großen Bewegung des Nationalsozialismus könne ja auch der Werkbund nicht vorbei gehen … [Er müsse sich] dem neuen Reich zu Dienst stellen … Es gelte heute die vom Kultusministerium und dem Kampfbund für Deutsche Kultur mit Herrn Jäckh im Namen des früheren Vorstands vereinbarte Lösung … zu bestätigen … [die] zum Ziel haben, daß der Werkbund als Glied [!] der nationalsozialistischen Bewegung gewertet [!] und eingesetzt [!] wird. [So war dies überhaupt nicht mit Jäckh vereinbart.]
Sowohl der bisherige Vorstand wie die Mitgliederversammlung am nächsten Tag entschieden sich [unter den Pressionen kann von einer Entscheidung keine Rede sein] durch die Annahme der neu aufgestellten Satzungen für die Eingliederung [!] des Werkbundes in den nationalsozialistischen Staat … [in einem Dreiviertel-Jahr haben Nationalsozialisten den Staat bereits zu ihrem unbeschränkten und absolutistisch verfügten Eigentum gemacht].
Der alte Vorstand trat zurück… [auch dies muß als Signal gelesen werden – dafür gab es nicht nur pragmatische Gründe]. Es ist nicht zu verkennen, daß hier im Werkbund viel mehr [!] als eine äußere Gleichschaltung erfolgte, es war ein Indienststellen in vollem freudigem Bewußtsein… [hier schwindelt der Berichterstatter mit einer Bekenntnis-Propaganda, die in Diktaturen üblich ist]. Der Werkbund ist dem Kampfbund für Deutsche Kultur angegliedert … [muß heißen: eingegliedert].
In der Mitgliederversammlung gab Lörcher den von ihm [nach dem Führer-Prinzip] ernannten Vorstand bekannt: Außer dem Werkbundführer Lörcher und seinem Stellvertreter Prof. Wendland gehören ihm noch an: Prof. Schmitthenner aus Stuttgart [als Rechtsaußen 1926 aus dem Werkbund ausgetreten, seit 1932 NS-Mitglied], Reg. Baumeister BDA Fischer aus München [bis dahin kein Werkbund-Mitglied!] und als Schatzmeister Karl Borst aus Berlin. [Den großen Vorstand gibt es nicht mehr.]
… ›Das große Ziel, das der neuen Werkbundleitung vorschwebt, ist nichts anderes als eine SA. [!!!] auf dem Gebiete aller schöpferischen Lebenskräfte.‹«(10)
Es ist nicht herausfindbar, von wem der Text stammt – von Wilfried Wendland oder Carl Christoph Lörcher oder Otto Baur.


Anmerkungen:

1    ADK 10–30/82.

2    Winfried Wendland, Der Deutsche Werkbund im neuen Reich. In: Die Form, 8, 1933, Heft 9, 257.

3    ADK 4–296/33.

4    Walter Rossow, Werkbundarbeit – damals und heute. In: Felix Schwarz/Frank Gloor (Hg.), ›Die Form‹. Stimme des Deutschen Werkbundes 1925–1935. Gütersloh 1969, 14.

5    ADK 4–302/33.

6    ADK 4–305/33.

7    D 16 03. ADK 4–306/33.

8    Sabine Weißler, in: Sabine Weißler (Hg.), Design in Deutschland 1933–45. Ästhetik und Organisation des Deutschen Werkbundes im ›Dritten Reich‹. Hg. im Auftrag des Werkbund-Archivs. Gießen 1990, 15.

9    ADK 4–313/33.

10    ADK 4–317/336. Die Form, Nr. 10, 1933.


Zum Inhalt | Zur Hauptnavigation |