
Die Wüste des Krieges. 1945 sind – zum Beispiel – in Hamburg 300.000 Wohnungen total zerstört. Weitere 170.000 sind stark beschädigt. Rund 900.000 Menschen sind obdachlos. Anderswo sieht es ähnlich aus.
Anknüpfen. Überlebende aus dem Krieg, die als junge Leute in den 1920er Jahren beim Werkbund waren, knüpfen an die 1920er Jahre an.
Der Vorwurf, daß sie sich mit dem NS-Regime nicht auseinandersetzen, ist ungerecht: Sie haben davon soviel Übles erfahren, daß sie sich Besserem zuwenden. Dies erklärt das Schweigen, das kein Verschweigen ist, sondern eine Entlastung für den Aufbruch. Erst fünfzehn Jahre später beginnt die Aufarbeitung der NS-Zeit. Der Werkbund hat sich nahezu nichts vorzuwerfen.
In Werkbund-Tradition halten sich die Gründer aus dem Tages-Geschehen und den Moden heraus – dies nutzt der Konzentration, mit der sie ihre Vorstellungen verfolgen. Sie haben Ideen genug, denn die 1920er Jahre wurden jäh durch die 1930er Jahre abgebrochen. Sie stricken also am Unvollendeten weiter. Vor allem arbeiten sie an der Gestaltung von Produkten und Bauten. Später kommt das Thema Natur-Zerstörung hinzu – einige Zeit vor der ökologischen Bewegung.(1)
NS-Schema. 1944 erläßt Albert Speer »Richtlinien zur Statistik und Darstellung der Schäden in den zerstörten deutschen Städten«. In Hamburg wird von Konstanty Gutschow eine Schadenskarte erstellt. Nach 1945 wird lediglich das Signum des Reichstatthalters geschwärzt. Die Grundlinien der Stadtplanung wurden im Planungs-Stab von Albert Speer entwickelt. Speer ist der heimliche Wiederaufbauminister – er sitzt im Gefängnis in Spandau. Seine Schüler erklimmen weichenstellende Positionen in deutschen Städten. Gegen die Bombardements mit dem »Feuersturm« (zuerst in Wuppertal)(2) sollen die Städte aufgelockert wieder aufgebaut werden, damit zukünftige (!) Bomben-Brände nicht übergreifen können. Die wichtigen Straßen sollen sowohl dem Aufmarsch von Militär wie der Repräsentation dienen. Es müssen nur einige Worte durch andere ersetzt werden – und die Speer-Thesen erhalten aufs Neue Gültigkeit.
Zum Teil beauftragen die Besatzungs-Behörden sogar die alten Planer bzw. Speers Mitarbeiter, denn Speer hatte ihnen geraten – unbekannt warum – nicht in die NSDAP einzutreten. Daher werden sie nach 1945 als »nicht belastet« angesehen.
Alternative. Eine ganz andere Begründung für ein Stadtplanungs-Konzept gibt in Berlin Hans Scharoun: eine Landschaft in der Stadt schaffen, die aus dem Gelände-Profil hervorgeht. Diese Idee findet nur selten Akzeptanz.
Nachdenken. Werner Kallmorgen, Hamburger Mitarbeiter von Konstanty Gutschow, empfiehlt zunächst: »Bauen durch Nachdenken zu ersetzen«. Auch dies hat keine Wirkung. Erst sehr viel später sagt 1989 Karl Ganser es ähnlich – in der IBA Emscher Park.
Heimat. Der Hamburger Werner Kallmorgen warnt bereits: Statt Addition von Normteilen muß Heimat entstehen.
Auferstanden aus Ruinen. Der Berliner Architekt Otto Bartning fühlt sich »… am Rand der Trümmerhaufen«. Die
Menschen haben Monster erlebt: die Oberherrschaft der führenden Nationalsozialisten. Die Giganten sind gestürzt. Aufatmen. Es regt sich das Gefühl des Befreitseins von einem lebensbedrohenden Alp. Trotz der Armut, in der nahezu alle stecken. Nach dem verwüstenden Krieg: ein »Hoffnungsschub«. Der Kölner Hans Schmitt-Rost: »Wir fingen einfach an … Wir hatten keine Zeit zu verlieren … Wir wollten endlich unsere Vorstellungen von einer neuen Welt realisieren.«
Das Einfache. Vieles geschieht findig. Einfach. Das Lützelbacher Manifest 1947 überhöht das Einfache: Es ist »… das Einfache und Gültige«. Der Düsseldorfer Architekt Josef Lehmbrock: Wir wollten uns von der »Härte des brutalen schwulstigen Ungeistes absetzen«. Der Karlsruher Architekt Egon Eiermann: Die einfache Form ist »Ausdruck des gemeinsam allen Menschen Verständlichen, also des nicht Individualistischen, sondern des allgemein Gültigen. Sie ist ferner Ausdruck des Unmodischen und Zeitlosen.«
Der neue Bundespräsident Theodor Heuss: »Qualität ist das Anständige.«
Der Münchner Architekt Richard Riemerschmid: »Wenn es mir irgendwann und irgendwie geglückt ist, zu erreichen, daß ich daran mitgearbeitet habe, dieses Leben auch in den kleinsten Dingen zu veredeln, dann bin ich schon stolz darauf. Den Alltag zu verschönern und zu verfeinern, scheint mir mindestens so wichtig, wie die Festtage. Und dieses Ziel gibt am ehesten an, was ich immer angestrebt habe.«(3)
Zukunft. Viele Menschen helfen sich gegenseitig. Sie sind damit beschäftigt, die Grundlagen ihres Lebens neu herzurichten. Optimistisch formuliert der Frankfurter Schriftsteller Walter Dirks 1948: »Bauen heißt heute, Politik vorwegnehmen, unsere Zukunft vorwegnehmen.« Es entstehen Konzepte für den Neuaufbau.
Abgrenzungen. Was im NS-Staat verboten wurde, erscheint nach 1945 als Ausdruck von Widerstand und Freiheit. Man grenzt sich vom Nationalsozialismus ab. Abgrenzung aber auch vom sozialistischen Realismus, der dazu Anlaß gibt durch seine Verständnislosigkeit gegenüber einem breiten Panorama des Künstlerischen. Und es gibt Kritik an modernistischer Halbheit von Alfons Leitl.(4)
Wie aufbauen? Die meisten Städte liegen in Trümmern. Die Alliierten hatten sie mit Bomben-Teppichen überzogen – ohne Nachdenken darüber, ob die Zerstörung der Städte irgendeinen militärischen Nutzen hat. Denn nirgendwo haben Städte den Vormarsch der Heere aufgehalten. Der Krieg fand schon lange nicht mehr in den Städten statt. Nirgendwo wurde in Städten gekämpft – außer im »Endkampf« in Berlin. Es gab keine Überlegung dazu, daß die kulturellen Werte des alten Europas nicht das Eigentum der NS-Herrschaft sind, sondern nach dem Krieg und auf Jahrhunderte der Menschheit gehören.
Nun entstehen heftige Diskussionen.(5)
Wenn später oft gesagt wird, das Allermeiste sei vom Erdboden verschwunden, ist dies ein Irrtum. Es stehen überall Ruinen, aber die Fassaden sind zwar angeschlagen, aber wiederherstellbar.
Ähnlich wie nach 1918 sprießen viele kulturelle Initiativen aus dem Boden – mit einem Hunger nach Kultur.(6)
Gegen Rekonstruktion. Gegen Wiederherstellung, oft auch Rekonstruktion genannt, wendet sich 1946 der Architekt Otto Bartning: »Denken Sie an den Zwinger in Dresden. Kann er, darf er als museale Lüge auferstehen, als riesige Totenmaske? … Die Ruinen … werden eine starke Sprache sprechen; Rekonstruktionen – je echter, desto schlimmer …«(7)
Darin stecken mehrere Denk-Fehler. Aber einmal auf der Schiene, werden sie auch im Werkbund nachgesprochen. Es gibt keine Diskussion. Später wird der Zwinger wieder aufgebaut, sogar von der DDR. Heute ist wohl jeder froh darüber. Auch die Kölner Kirchen wurden rekonstruiert. Und fast überall weitere.
Warum Rekonstruktion? Weil darin Werte stecken, die man nicht wegwerfen darf. Oder soll etwa das ganze Land ein riesiges Kriegs-Denkmal werden – überall und tagtäglich zum Lesen der Spuren des Krieges?
Der Frankfurter Walter Dirks 1947: »Das Haus am Hirschgraben [der Familie Goethe] ist nicht durch einen Bügeleisenbrand oder durch einen Blitzschlag oder durch Brandstiftung zerstört worden: Es hat seine bittere Logik, daß das Goethehaus in Trümmer sank. Es war kein Versehen, das man zu berichtigen hätte, keine Panne, die der Geschichte unterlaufen wäre: Es hat seine Richtigkeit mit diesem Untergang.«
Auch dies ist historisch pauschal. Apodiktisch. Eine zwar gut klingende Analogie, aber profund falsch. Goethe und NS-Schuld – dies sind zwei Welten. Daraus läßt sich kein Zusammenhang erkennen. Und auch Goethe möchte den Krieg überleben. Man könnte Fragen stellen, aber erneut gibt es auch bei den Gutwilligen zu viel Gewißheit, die Wahrheit zu haben. Dies kann erschrecken. Aber es gehört zur Ambivalenz des Werkbunds. Ist ›gut gemeint‹ bereits ›gut‹?
Impulse zum Neuaufbau. Ein Bericht über persönliches Erleben gibt eine Ahnung davon, daß sich einfache Fäden von den 1920er Jahren durch die NS-Zeit in die unmittelbare Nachkriegs-Zeit ziehen. Werner Wirsing, später in Bayern Werkbund-Vorsitzender (1965/1969) und Vorsitzender im Gestaltungs-Team für die Olympischen Spiele in München, erinnert sich: »Ein junger katholischer Pfarrer hat uns Buben 1933 – ich war elf Jahre alt – in einem Ausflug des Bundes Neudeutschland zur Moderne geführt. Wir reisten nach Neu-Ulm und sahen uns eine Kirche von Dominicus Böhm an, der im Werkbund war. Und dann in Stuttgart die Weissenhofsiedlung.
1933 wurde der Bund Neudeutschland verboten, aber wir kamen heimlich zusammen. Weil wir verboten waren, hatten wir eine Abneigung gegen die, die uns verboten hatten.
In der Bibliothek der Technischen Universität, die für uns zugänglich war, fanden wir viel über das Neue in den Künsten.
In der Abitur-Prüfung 1937 hielt ich – nichts ahnend – einen Vortrag mit dem Thema: ›Der Weg zur Erkenntnis durch expressionistische Malerei‹. Er fand vor dem gesamten Lehrer-Kollegium statt. Es geschah nichts. Lediglich der Direktor, der ein engagierter Nazi war, bat mich in sein Büro und ermahnte mich ›väterlich‹: Ich möge doch nicht auf etwas Falsches hereinfallen, – ich sei auf dem falschen Dampfer.
Aber ich hatte einen mir nicht ganz erklärlichen Hang zur Moderne.
Unmittelbar nach 1945 kam ich zum Jugendsozialwerk. 1947 trafen wir Hans Eckstein.
Der Werkbund hat im Wiederaufbau intellektuelle Kompetenz bewiesen. Vor allem durch Hans Schwippert.«
Glitzerglanz gegen die »Gute Form«. Mit dem meist irrig eingeschätzten Wirtschafts-Wunder, in Wirklichkeit eine Sonder-Konjunktur des Wiederaufbaues, entwickelt sich in den 1950er Jahren erneut ein Konsumismus, der in großem Umfang von einem immer barocker werdenden Glitzerglanz bedient wird.
Einen Schritt weiter beginnen viele Werbe-Agenturen damit, die Ware zur verführenden Projektions-Fläche der Wünsche zu machen. Aber: war sie dies nicht immer schon? Doch nun erhält die Verführung eine weitaus stärkere Gewalt. Durch Werbung nimmt sie eine scheinhaft allmächtige Dimension an. Es wird immer schwieriger, gegen diese suggestive Gewalt mit Vernunft zu bestehen.
Dagegen setzt der Werkbund »die gute Form«.(8) Hermann Bahlsen: »gute Ware in gefälliger Form darstellen«. Auch dies hat eine Faszination, aber es setzt eine ästhetische Erziehung voraus.
Zusammenhänge zwischen Produkt und Verkauf. Im Werkbund geht es in allen Produktionen, die erst durch umfangreichen Absatz produzierbar werden, sowohl um vernünftige schöne Produkte wie um ihre Verkäuflichkeit.
Für das eine stehen Gestalter, für das andere Wirtschaftsleute, die am Markt verkaufen.
Beide müssen eine Wechselbeziehung haben. Seit den 1970er Jahren nennt man dies auf ›denglisch‹ das Marketing. Es geht aus vom Optimismus, daß die Käufer eher das vernünftigere und schönere Produkt kaufen – aber empirisch erweist sich dies rasch als Illusion. Die Ursache wird im Mangel an aufgeklärter Bildung gesehen. Daher entstehen im Werkbund neue Versuche, Konsumenten zu bilden: damit sie verstehen, was angeboten wird.
Dieser Zusammenhang wird oft banalisiert und denunzierend dargestellt: als »handfestes materielles Interesse«. Das Gros der Werkbund-Leute ist in erster Linie am Produkt interessiert – und dann erst an der Verkaufbarkeit.
»Rat für Formgebung«. Als es auf der New Yorker Export-Messe 1949 für deutsche Produkte der Nachkriegs-Zeit schlechte Kritiken hagelt, nimmt der Werkbund dies zum Anlaß, sich erneut für die staatliche Förderung der Waren-Kultur einzusetzen. Dadurch bringt er 1953 den »Rat für Formgebung« zustande. Initiatoren sind August Hoff, Jupp Ernst, Heinrich König, Hans Schwippert mit der Gründung eines Sachverständigen-Gremiums.
Werkbund und Rat für Formgebung initiieren die Neuausgabe der »Warenkunde«. Der Rat für Formgebung richtet die westdeutschen Beiträge auf den Mailänder Triennalen ein, die seit 1951 alle drei Jahre stattfinden.
Wohn-Alltag. Bettina Günter publiziert das Buch »Blumenbank und Sammeltassen. Wohnalltag im Wirtschaftswunder zwischen Sparsamkeit und ungeahnten Konsummöglichkeiten«.(9) Die umfangreiche Untersuchung, auch mit viel empirischem Material, zeigt minutiös die Bedürfnisse einer breiten Bevölkerung und ihre Wünsche nach Erfüllung – im historischen Prozeß der Veränderung von den 1920er Jahren bis in die 1960er Jahre.
Ästhetik und Moral. Hans Eckstein nimmt das Gründungs-Thema des Werkbunds von 1907 erneut auf: »Wie man wohnt, mit welchen Dingen man sich umgibt, ist nicht eine ästhetische, sondern auch eine moralische Entscheidung.« Jupp Ernst formuliert ähnlich: »der schöpferische Mensch erhält seinen Auftrag nicht vom Markt«.
Berufungs-Praxis. Ein finsteres Kapitel ist nach dem Krieg die Berufungs-Praxis an deutschen Hochschulen und in Verwaltungen vieler Art. Nur wenige der Emigranten werden zurückgerufen. Meist sind die Emigrierten auch in der Nachkriegs-Zeit abgeschrieben – zu ihrer Enttäuschung. Viele haben weder in ihrem Zukunfts-Land noch in ihrem Herkunfts-Land eine wirkliche Heimat. Manche wechseln mehrfach das Land.
Mangel an Wiedergutmachung. Menschen, die im NS-Staat Berufs-Verbot oder Chancen-Entzug erhielten, erfahren kaum Wiedergutmachung. Zum Beispiel Martin Elsaesser (1884–1957). In der NS-Zeit erhält er keine Aufträge, nur in der Türkei. Er lebt in »innerer Emigration«. Dann ist er 1947/1956 Vertretungs-Professor für Entwerfen an der TU München. Er hat größte Mühe, wenigstens eine minimale Altersversorgung vom bayrischen Staat zu bekommen. Zugleich erhält der gleichalte Alwin Seifert, der in der NS-Zeit sehr erfolgreich war, eine Ordentliche Professur.
Abgrenzung. Mit Werkbund-Dingen kann man sich vorzüglich gegen die vorhergehende Zeit abgrenzen: gegen den Wilhelminismus und gegen den Nationalsozialismus.
Gestaltung verbreitet sich. Einige Zeit fällt es nicht auf: daß sich auf der Schiene des sogenannten Internationalen Stils, die außerhalb des NS-Staates weiterlief, Gestaltungs-Weisen aus dem Werkbund ausbreiteten und nun weltweit nahezu allgegenwärtig wirksam sind. Dies war der Traum in den ersten Werkbund-Phasen. Nun steht der Werkbund sprachlos vor dem Phänomen der Diffundierung.
Im Werkbund ist es später schwierig, dies zu verarbeiten: Einst waren Werkbund-Leute Pioniere, angesehen oder angefeindet, nun scheinen sie diese Sonderstellung zu verlieren. Vielen fällt es schwer, den Erfolg zu genießen. Sie gehen in die Falle des Extraordinären, die sie ständig umstellt und ihnen Kopfstände abfordert, welche sie meist nicht leisten können. Da geht es ähnlich zu wie in der Architektur. Es ist schwierig, sich klar zu machen, daß die gehobene Normalität das fundamentale Thema des Werkbunds war – und in aller Zukunft sein wird.
Massen-Verhalten und gute Gestaltung. Von Anfang an war das Zusammentreffen von guter Gestaltung und Massen-Verhalten das Grundproblem des Werkbunds. Es bleibt ein Problem und wird es auch in Zukunft sein. Es gibt nur relative Auflösungen.
Modernisierungs-Schübe. Die 1950er Jahre haben ein rasantes Tempo. Bis in die 1970er Jahre gibt es eine geradezu kontinuierliche Verbesserung der Einkommen. Die Kaufkraft breiter Bevölkerungs-Schichten läßt zu, daß Gestaltung eine Massen-Wirksamkeit erhält. Zugleich werden die Möglichkeiten der industriellen Serien-Produktion immer weiter entwickelt. Es gibt in vielen Bereichen Modernisierungs-Schübe. Vor allem im Wohnungs-Bereich.
»Bis 1933 war noch ein Drittel aller Wohnungen nicht ans Stromnetz angeschlossen – ganz abgesehen von der Schinderei, die ein Wasch- oder Putztag in den Haushalten ohne Waschmaschinen und Staubsauger bedeutete.« »Wohl noch nie in der deutschen Geschichte hat es in so kurzer Zeit [wie in den 1950er Jahren] so einschneidende Umwälzungen gegeben.« (Katrin Pallowski)(10) Was es heute überall gibt, existierte vor den 1950er Jahren nur in Musterexemplaren. Innerhalb dieses Problem-Bereichs entwickelt sich eine Wohn-Beratung. Mit einer Gestaltungs-Didaktik. Mit Muster-Wohnungen. Mit Ratgeber-Literatur. Vorbildliche Produktionen werden vorgezeigt. Philipp Rosenthal sucht das Gespräch mit dem Werkbund. Er entfernt sich von der luxuriösen Ästhetik seines Vaters und führt Werkbund-Ideen in seine Produktion ein.(11) Ebenso wie viele andere Unternehmer produziert er auf mehreren Schienen.
Ausstellungen. Es wird wieder gezeigt und diskutiert. Dies beginnt 1947 in Bielefeld mit der Ausstellung »Gültige Form«. 1948 Ausstellung von Industrie- und Handwerkserzeugnissen in Wuppertal. 1949 Ausstellung Gebrauchsgraphik in Düsseldorf. 1949 ziehen zwei größere Ausstellungen sehr viele Menschen an: die Kölner Ausstellung (40.000 Menschen) und die Stuttgarter.
Arbeits-Titel der Kölner Ausstellung »Wohnen für Jedermann«, dann umgewandelt in »Neues Wohnen«. Weil es wenig Wohnraum gibt, weil viele Familien in größter Enge leben, wird über Verwandlungs-Möbel nachgedacht: Über die Bettcouch. Klappbett. Schrank-Bett. Klappsessel.(12)
Netz-Werk. In der Wiederaufbau-Zeit gibt es in den neuen Verwaltungen einige wichtige Männer, die dem Werkbund bzw. einigen seiner Mitglieder zugetan sind. Die Spinne im Netz des Ministeriums in der Wiederaufbau-Zeit ist der Ministerialrat Josef Busley im Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen. Hans Schwippert ist mit ihm befreundet. Ein zweiter wichtiger Mann ist Dr. Hermann Wandersleb. Er wird vom Präsidenten des Parlamentarischen Rates Konrad Adenauer mit der Organisation künftiger Ministerien in Bonn beauftragt. Konrad Rühl ist Ministerialdirektor im Wiederaufbauministerium von Düsseldorf, dann Staatssekretär. Die Werkbund-Verbindungen zur Landesregierung erweisen sich als wertvoll.
Botschafter. Erneut versteht es der Werkbund die Bundesregierung zu veranlassen, ihn als Botschafter der jungen Demokratie ins Ausland zu schicken. Dadurch erlangt er Einfluß. Denn: die ersten deutschen Beiträge auf den ersten Nachkriegs-Messen, in der Deutschen Exportmesse in New York (1949) und in der 1. Internationalen Messe in Chicago (1950), werden unter gestalterischem Aspekt vom Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard als unzulänglich angesehen. Daher wendet sich der Minister an den Werkbund: Ihm vertraut er Konzeption und Auswahl an.
Nun wird der Werkbund tätig für die Mailänder Triennalen (seit 1951), für das Haus Industrieform (seit 1955), für die Sonderschau auf der Hannover Messe und für den deutschen Beitrag zur ersten Weltausstellung nach dem Krieg in Brüssel (1958).
Anmerkungen:
1 Christopher Oesterreich, »Gute Form« im Wiederaufbau. Zur Geschichte der Produktgestaltung in Westdeutschland nach 1945. Berlin 2000.
2 Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg. München 2002.
3 Zitiert in ›Werk und Zeit‹ 6, 1957, Nr. 5.
4 Johannes Busmann, Die revidierte Moderne. Der Architekt Alfons Leitl 1909–1975. Wuppertal 1995.
5 Krieg – Zerstörung – Aufbau. Architektur und Stadtplanung 1940–1960. Ausstellung [Akademie der Künste Berlin] und Publikation. Jörn Düwel, Werner Durth, Niels Gutschow, Jochem Schneider. Berlin 1995.
6 Siehe dazu: Hermann Glaser, Zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. München 1985.
7 Otto Bartning, zitiert in: werkundzeit 2/89, 18.
8 Christopher Oesterreich, »Gute Form« im Wiederaufbau. Zur Geschichte der Produktgestaltung in Westdeutschland nach 1945. Köln 2000.
9 Bettina Günter, Blumenbank und Sammeltassen. Wohnalltag im Wirtschaftswunder zwischen Sparsamkeit und ungeahnten Konsummöglichkeiten. Berlin 2002.
10 Katrin Pallowski, Design und Lebenswelt. Am Beispiel der fünfziger Jahre. In: werkundzeit 2/88, 3/5.
11 Philipp Rosenthal. Übernimmt 1950 das 1880 gegründete Unternehmen seines Vaters. Beginnt 1950 als Werbeleiter der Rosenthal AG. 1958/1981 ist er Vorstandsvorsitzender. Mitglied des Bundestages, im Fraktionsvorstand der SPD, Vorsitzender der Arbeitsgruppe »Wirtschaftsdemokratie«. Er macht aus einem konservativen Unternehmen ein führendes für zeitgenössisches Design – in Zusammenarbeit mit über 100 Künstlern aus der ganzen Welt. Die Arbeitnehmer besitzen mit 10 Prozent das stärkste Aktien-Paket. – Bernd Fritz, Rosenthal - 100 Jahre Porzellan. Stuttgart 1988.
12 Ingrid Scheuermann, Formgebung in sozialer Verantwortung. In: werkundzeit 2/89, 18/20.