Die beginnende Kritik im Werkbund ist gegenläufig zur Zeit-Strömung.
Bauwirtschafts-Funktionalismus. In den 1960er Jahren ist der Bauwirtschafts-Funktionalismus auf seinem Höhepunkt und treibt seine aberwitzigsten Blüten. Es entstehen riesige Bauten. Aber nicht um Raum zu gewinnen, sondern um opulent zu sein – als eine Art Barockisierung. Parallel dazu entwickelt sich eine Barockisierung des Alltags. Ebenso opulent werden die Automobile.
Verzweifelt fragt 1959 Hans Schwippert: Begibt man sich in den »Kampfbereich von wirtschaftlichen und politischen Mächten« »denen wir nicht gewachsen sein werden?«
Vorboten von 1968. Schon im Vorfeld der 1968er Bewegung mit den damit entstehenden Bürgerinitiativen wächst Widerstand.
Erich Wenzel läßt 1965 in einem Artikel in der Werkbund-Zeitschrift ›Werk und Zeit‹ zur Tagung des Werkbundes Baden-Württemberg unter dem Titel »Eine Demonstration der Illusionslosigkeit« das Kommende vorahnen. »Das trotz der Verschiedenartigkeit der Themen Einigende war ein aus allen Äußerungen herauszuspürendes Bestreben, jegliches Denken und Tun an der sozialen, wirtschaftlichen, technischen und politischen Wirklichkeit zu messen. Wollte man nachträglich nach einem Tagungsmotto suchen, würde man es etwa ›Leben ohne Illusionen‹ nennen können, wenn man unter Illusionslosigkeit die Abkehr von utopischen Erwartungen, vom ›Stehen im ästhetischen Schein‹ (K. Lange: ›Das Wesen der Kunst‹) verstehen will.«(1)
Dies ist eine Dimension des Kommenden – offensichtlich wird sie eher von vielen Älteren wahrgenommen, zu denen auch Erich Wenzel gehört.
Das Kommende hat eine zweite Dimension. Sie hängt mit der ersten zusammen – geht aber weit darüber hinaus: Die Desillusion räumt vieles ab, schafft freie Räume, fordert heraus – und so entsteht in den 1970er Jahren das kreativste Jahrzehnt des Jahrhunderts. So wird es von Jüngeren wahrgenommen.
Verarbeitung. Alles gehört zusammen. Aber der Nachkriegs-Werkbund, der seit 1955 nicht wenig von der Formel der »formierten Gesellschaft« angesteckt ist, hat sich in der Verarbeitung des Vieldimensionierten noch wenig trainiert. In den nächsten beiden Jahrzehnten werden manche Werkbund-Leute nicht verstehen, daß Werkbund von Beginn an das Konzept der Vielfalt hatte, das aus einem gesellschaftlichen Pluralismus erwächst.
Ablösung. 1960 bringt Hans Schwippert seine Ablösung ins Gespräch.(2) 1963 tritt er in Baden-Baden als Vorsitzender des Gesamt-Werkbundes zurück.
Es gibt eine Stimmung gegen ihn – als Reaktion darauf, daß sich Hans Schwippert gegen eine Tendenz wendet, die zunehmend Theorie und Utopien diskutieren möchte.
Aber Theorie und Praxis sind hier zu kurz gedacht: Tatsächlich stammt das Wort Theorie vom altgriechischen Verb »theorein« und bedeutet »durchschauen der Realität« – und damit der Praxis. In diesem Verständnis von Theorie sind Theorie und Praxis tiefgreifend miteinander verwoben. Dies müßte man von beiden Seiten einfordern.
Gescheitert – am Pluralismus. Seit jeher ist der Werkbund pluralistisch. Daher muß es fremd erscheinen, wenn nun der Vorsitzende und sein Umkreis den Werkbund auf ihren »Kurs« festlegen wollen. Dieses Vorhaben muß scheitern – aus dem inneren Grund des Pluralismus und aus dem äußeren Grund der in den 1960er Jahren zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft.
Der Konflikt um ›Werk und Zeit‹. Jüngere Mitglieder wollen ›Werk und Zeit‹ neu gestalten und eine höhere Auflage erzielen. Dies wird sich als unrealistisch herausstellen. Aber die unflexible Unzugänglichkeit der Dirigenten läßt aus dem Vordergrund einen Konflikt entstehen. In den Protokollen ist nicht erkennbar, wer die Personen im einzelnen sind und worum es geht. Offensichtlich sprechen beide Seiten über den »Wolken-Flug« – wie so oft im Werkbund.
Zum Eklat kommt es erst 1971. In der Rückschau kann man sich nur wundern über diesen unsouveränen Streit »um des Kaisers Bart«.
Unversehens, geradezu über Nacht, beschließen die Herausgeber von ›Werk und Zeit‹, Hans Schwippert, Hans Schmitt-Rost, Richard Scherpe und Wend Fischer, ihre Herausgeberschaft niederzulegen. »Sie stimmen den vorgesehenen Veränderungen der Zeitung nach Sache und Vorgang nicht zu …«(3)
Der Vorstand der Landesgruppe NW verhindert den Abdruck ihrer Begründung – in der Meinung, sie sei für Außenstehende uninteressant. Aber die Herausgeber teilen sie in einem Rundschreiben allen Mitgliedern mit: »Es mehren sich die Veröffentlichungen eher abstrakten, theoretischen Charakters. Ist es nicht werkbundspezifische Weise, induktiv vom einzelnen auf das Allgemeine zu schließen? Dort aber tendiert man dazu, über das Allgemeine zum Besonderen zu kommen … konkretes Tun erst danach für sinnvoll und möglich zu halten …«(4)
Tatsächlich ist beides möglich. Und beides sinnvoll. Und noch besser ist es im Wechselspiel.
Es kann eine gegenseitige Herausforderung zum Dialog sein.
Die gesellschaftliche Pluralisierung ist eine Tatsache, aber im Bewußtsein vieler einzelner nicht verarbeitet. Dies ruft Aggressionen hervor: Die Position der ›Werk und Zeit‹-Gruppe und vieler weiterer Mitglieder fühlt sich bedroht, – statt sich im besten Sinn in Frage zu stellen, zu relativieren, auf Herausforderungen produktiv und dadurch selbstbewußt und souverän zu reagieren.
Kein Zweifel: Man darf sich nicht länger dem verschließen, was diffus als das »Allgemeine« oder als »Theorie« bezeichnet wird. Ältere Kunst-Vorstellungen werden in dieser Zeit an vielen Stellen befragt und oft als kurzatmig, als unbewußte theologische Übertragungen, als Ideologie entdeckt und benannt. Gerade in einer fortschrittlichen Vereinigung muß es möglich sein, weiterzugehen, ohne sich verletzt zu fühlen – und im Weitergehen in einen Dialog zu geraten.
Dazu ist die Führung jedoch nicht fähig. Aber auch viele Mitglieder nicht. Sowohl ältere wie jüngere.
So entstehen Auseinandersetzungen, die im Kern weder sinnhaft noch nötig sind. Sie werden den Werkbund in den nächsten zwei Dekaden bestimmen – in einem Hin und Her der Einfluß-Größen und Schwerpunkte.
Tatsächlich werden beide Positionen gebraucht. Diese Einsicht verbreitet sich erst, als die Auseinandersetzung in zeitliche Distanz gerät und Gelassenheit Platz gewinnt. Dies geschieht im wesentlichen in den 1990er Jahren.
Das Problem entsteht auch dadurch, daß man später nicht mehr wahrhaben will, was man früher wußte. Zum Beispiel: Hans Schwippert. Er fühlt und artikuliert in den 1950er Jahren mehrfach und lange – vor vielen anderen – sein wachsendes Unbehagen an den Wirtschafts-Produzenten. Hans Schwippert kennt die Kritik am kapitalistischen Wirtschafts-System, er hat sie im Darmstädter Gespräch mit Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie Alexander Mitscherlich sogar explizit und fulminant in den Werkbund gebracht – aber es ist unverständlich, warum er sie in den 1960er Jahren nicht mehr verstehen will, wenn sie von anderen Personen kommt.
Nun ist immerzu die Rede von einer Krise. Aber Werkbund war immer Krise. Weil die Zeiten stets Krise waren. Und weil es in der Krise stets unterschiedliche Meinungen gibt – als Spiegel einer unterschiedlichen Wirklichkeit und unterschiedlicher Menschen.
Das Problem ist nicht die Krise, sondern ihre Verarbeitung. Sie kann gut oder miserabel sein. Es kommt auf die Dialog-Fähigkeit an.
Jetzt bleibt sie oft auf den Punkt orientiert. Dieses Punkt-Denken hat ein schwaches Gedächtnis. Einen Mangel an Rück- und Vorausschau. Man spricht von revisionsbedürftig – aber man schaut nicht genau hin. Bauchgrummeln. Jeder hat eine andere Meinung und nur wenige denken über die Meinungen anderer nach – und noch weniger Leute sind synthesefähig. Und niemand ist fähig zu moderieren.
Leicht geht der einen Seite ein Wort wie Dogmatismus von der Zunge. Sie sagt es aus Aggression. Doch ein Argument sieht anders aus.
Es wird vom verbindlichen Gemeinsamen gesprochen – aber ohne Reflexion darüber, daß in einer pluralistischen Gesellschaft so etwas nicht so einfach existiert, es sei denn in rasch dahergesagten Leerformeln.
Stadt-Kritik. Ins Herz der Selbstverständlichkeiten trifft Alexander Mitscherlichs fulminante Stadt-Kritik mit dem provokanten Titel »Die Unwirtlichkeit unserer Städte«. Sie zeigt: Wir sind am Punkt, wo sich ein Bewußtsein für das Ende der Selbstverständlichkeiten entwickelt. Bauten und Dinge werden untersucht: auf Kontext und Ideologien. Mit zunehmender Forschung.
Es ist zu einfach, daraus eine Generationen-Frage zu machen. Mit Generationen hat es nichts zu tun. Tatsächlich geht es quer durch.
Ambivalenz. Die 1960er Jahre sind gesellschaftlich und im Werkbund eine hoch ambivalente Zeit. Viele Werte der Personen, die den Wiederaufbau des Werkbunds machten, werden mißbraucht, oft auch von ihnen selbst – und verkehren sich dadurch ins Gegenteil. Meist geschieht es dadurch, daß sie selektiv aufgeplustert werden – und andere Werte verdrängen oder ganz aufgeben.
In der ersten Opposition dagegen werden aber auch Werte wieder entdeckt. Oft sind es ältere Werte. Es entsteht eine eigentümliche Umkehrung: Was eine Gründer-Generation für »überwunden« erklärte, kann nun zum Fortschritt werden.
Viele Personen sind ambivalent. Auf der einen Seite außerordentlich tüchtig. Aber dann oft arrogant geworden – daraus entsteht Mißtrauen.
Viele Mitglieder subsumieren das Geschehen unter das Stichwort Generationen-Konflikt. Aber dies ist eine hilflose Vereinfachung. Tatsächlich ist die Konflikt-Lage differenziert. Jüngere wollen mitmachen, aber sie werden abgewiesen. Die Ungerechtigkeit der Älteren wird beantwortet: durch eine andere Ungerechtigkeit, die oft rücksichtslos und unfein ist. Es entsteht der Eindruck schlechter Manieren. Es gibt sie – aber sie antworten auf die sogenannten »guten Manieren«, die häufig zur Beherrschung der Situationen instrumentalisiert werden. In dieser Lage greifen die Opponenten häufig die Falschen und »schlachten sie stellvertretend« – wie Michael Andritzky in der Rückschau (2007) bedauert.
Ältere haben manchmal Überreaktionen: Sie treten beleidigt aus, statt den Dialog zu suchen und durchzustehen. Und manchmal geht unter, daß der Werkbund eine große Idee ist – weit oberhalb von einzelnen Personen und einzelnen Situationen.
Tatsächlich übersteht die große Idee alle gruppendynamischen Verspannungen.
Anmerkungen:
1 ›Werk und Zeit‹ 14, 1965, Heft 7/8.
2 DWB-Vorstandssitzung 20. 11. 1960.
3 ›Werk und Zeit‹, 20. Jahrgang, Juni 1971, Heft 6.
4 Rundschreiben Juli 1971. Zitiert in: Agatha Buslei-Wuppermann, Hans Schwippert. 1899–1973. Von der Werkkunst zum Design. München 2006, 144.