Werkbund-Leute haben erheblichen Einfluß. Ein Beispiel dafür ist der Kontakt, den Roland Günter zum Organisator dieses Jahres im Europarat Straßburg hat: zu Wolf Elbert.
Kongreß in Gelsenkirchen. Im Jahr des Denkmalschutzes 1975 treten, dirigiert von Roland Günter, die rund 50 Bürgerinitiativen im Ruhrgebiet zur Erhaltung der Arbeiter-Siedlungen und des industriekulturellen Erbes besonders deutlich und pressewirksam auf.
In diesem Jahr veranstaltet die Stadt Gelsenkirchen in Zusammenarbeit mit den Initiativen einen Kongreß: zum Thema Erhaltung der Arbeiter-Siedlungen.(1) Dazu gibt der Präsident des Europarates Georg Kahn-Ackermann mit der Schirmherrschaft diesen Initiativen zum ersten Mal eine erkennbare »höhere Weihe«. Mitorganisator ist Wolf Elbert, der im Europarat die Idee für das Denkmaljahr 1975 entwickelt, durchsetzt und organisiert.
Publikation zur Stadtzerstörung. »Wenn diese Beiträge zur Problematik des Denkmalschutzes und der Altstadtsanierung eine Kritik enthalten, die sich auf weite Strecken polemisch zuspitzt, so hat dies seinen Grund in der Tatsache, daß die Zerstörung der von Menschen gemachten menschlichen Umwelt – Stadt und Dorf – sich mittlerweise zu den schwersten Fehlleistungen unserer Gesellschaft ausgewachsen hat.« Damit beginnt eine Kritik, die Heinrich Klotz, Roland Günter und Gottfried Kiesow zum Thema Denkmalschutz und Stadtzerstörung in einem Buch formulieren.(2)
Im Abschluß-Kongreß in Amsterdam, in dem Roland Günter die Ruhr-Initiativen präsentiert, auch in einer Foyer-Ausstellung, fordert er: Macht ein Ende mit dem staatsoffiziellen Vandalismus in den Städten zugunsten von Großinvestoren. Wir wollen eine effektive Mitsprache der Bewohner anstelle einer leeren Symbolik der Anhörung. Und wir fordern den Einsatz der normalen Stadtbau-Mittel auch für die Denkmalpflege.
Das letztgenannte wird in Nordrhein-Westfalen nach 1980 mit dem neuen Städtebauministerium, geleitet von Minister Christoph Zöpel und Abteilungsleiter Karl Ganser, in großem Umfang realisiert – meist völlig unorthodox und mit hoher Qualität. Karl Ganser nennt es »Töpfe vernähen«. Sie stocken nicht nur die Mittel für den Denkmalschutz auf, sondern leiten umfangreiche Mittel aus der Städtebauförderung und aus der Wohnungsförderung sowie selbst aus der Verkehrsplanung in den Denkmalschutz.
Kritisiert wird im Umgang mit der Stadt: Der Bruch der Maßstäbe. – Die Priorität von Konzernen, sowohl Warenhäusern wie Bau- und Wohnungskonzernen. – Die unreflektierte und universalisierte Veränderung vieler Normen, die mit struktureller Gewalt und Werbe-Illusionen aufgezwungen werden. – Die neue Langeweile durch ein Baukonzept von der »Wand mit Löchern«. – Die Zerstörung der Stadt-Ensembles.(3) – Die Aufweitung der Verkehrs-Wege, die die Stadt zum Fraß für das Auto geben. – Auch die Zerstörung der Dörfer mit breiten Durchgangs-Straßen. – Beton-Brutalismus.
Bedroht ist inzwischen eigentlich alles, was irgendwie im Weg steht. Die frühe und die klassische Moderne in Berlin (Hermann Muthesius u. a.(4)). Gut Garkau (Hugo Häring). Die Hellerhof-Siedlung in Frankfurt (Mart Stam). Bahnhöfe. Rathäuser. Brücken.
Anmerkungen:
1 Stadt Gelsenkirchen (Hg.), Erhaltung von Arbeiter-Siedlungen. Zusammenfassender Bericht des Kongresses 1976. Gelsenkirchen 1976.
2 Heinrich Klotz/Roland Günter/Gottfried Kiesow, Keine Zukunft für unsere Vergangenheit? Denkmalschutz und Stadtzerstörung. Gießen 1975.
3 Bürgerinitiative Heroldbauten Bonn, »Wir verändern ein Stückchen Bonn …« Arbeitshefte des Landeskonservator Rheinland. Bonn 1975.
4 Julius Posener, Ein Attentat. Es geht um Muthesius’ Haus Freudenberg in Berlin-Nikolassee. In: Bauwelt 64, 1973, Nr. 16, 675/676.