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1983-1989: Ermüdet in gegenläufiger Zeit

Kontext. Gesellschaftlich sind in ganz anderer Weise als in den 1970er Jahren die 1980er Jahre ein sehr ambivalentes Jahrzehnt. Die wunderbare, weit reichende Kreativität der 1970er Jahre scheint ermüdet zu sein. Dies läßt in der politischen Statik von Druck und Gegendruck die Gegenseite hervorkommen. Sie ist erfüllt von Rache darüber, daß es in den 1970er Jahren viele Kräfte gab, die einen langen Zustand beenden wollten: die Erb-Pacht des Staates und der Verhältnisse. Das Land war in den 1970er Jahren pluralistisch geworden.

Der Computer. In den 1980er Jahren breitet sich der Computer aus. Er trägt nicht zur Kreativität bei. Denn seine Fähigkeiten orientieren sich weitgehend auf die Beherrschung von Quantitäten und auf Rationalisierung, für die viele Opfer erzwungen werden. Zudem wird der Computer nicht als eine Schreib-Maschine mit einem großen Speicher verstanden, sondern als magisches Phänomen propagiert. Es dauert ungefähr zwei Jahrzehnte, bis er zum Alltag geworden ist. Dann redimensioniert sich seine Wirkung im Bewußtsein: an den Tatsachen. Dies geschieht erst nach 2.000. Drittens verschlingt der Computer eine immense Aufmerksamkeit auf seine Beherrschung. In der Zeit der ersten Faszination wird das Mittel zum Ziel erklärt, – und so ist das Jahrzehnt geprägt von Inhalts-Leere.

Bürgerinitiativen-Bewegung. In den 1980er Jahren haben viele Bürgerinitiativen ihr Ziel erreicht und lösen sich auf – ein durchaus vernünftiger Vorgang. Aber in zahlreichen Bereichen werden die Betroffenen auch hingehalten, erschöpft, laufen gegen Wände und werden mutlos – dadurch reduziert sich die Bürgerinitiativen-Bewegung.
Kräftig aber bleibt die Bewegung in drei Themen: Erstens gegen die Raketen, die Kanzler Helmut Schmidt aus den USA ins Land holt. Zweitens gegen die Atom-Kraftwerke. Und drittens in der Forderung nach Schutz der Umwelt.
Nach mehreren ›Beinahe-Super-GAUs‹ in Sellafield (England), Harrisburg (USA) und Lyon explodiert 1986 ein Plutonium-Reaktor in Tschernobyl (UdSSR). Dies zerstört das lange Zeit propagandistisch aufgebaute »Vertrauen« in die Atom-Energie.

Neoliberale Konservative. Die 1980er Jahre werden beherrscht von Konservativen, die nun den Neoliberalismus aufsaugen. Meist haben sie eigentlich keine Meinung, außer daß sie meinen, es solle keine anderen Meinungen geben. Der Konservative lebt, auch wenn er wie ein Hamster im Rad beschäftigt ist, im wesentlichen in den Tag hinein und sucht in gewohnten Bahnen Erfolg. Er merkt nicht, daß er politisch von fiktiven Feind-Bildern überzogen und dadurch diszipliniert wird. Parteien bieten sich als »Erlöser« von diesen illusionär erfundenen »Feinden« an: Naive Zeitgenossen geben ihnen dazu ihre Wählerstimme.

Im Werkbund gelingt der Sturz der Unorthodoxen, die sich in den 1970er Jahren ausgebreitet hatten, erst, als auch sie im Zeit-Geist schwach werden und ihre Dynamik verlieren.
Daran sägt die Führung im Landesbund Bayern ein Jahrzehnt lang, bis die Landesbünde eifersüchtig auf Arbeitskraft und Ziele von Michael Andritzky werden. Dies ist der Ausdruck der Krise. Es ist der typische Aufstand der Bequemen gegen die Tätigen.

»Neue Medien«. Was marktschreierisch, d. h. durch eine gigantische Werbung, »Neue Medien« genannt wird, schafft keine Lust auf Analyse der Wirklichkeit. Wirklichkeit wird diffamiert durch die These, daß sie abgelöst sei von einer zweiten Wirklichkeit in den Medien.
Tatsächlich gab es all dies weithin immer schon unter dem Stichwort Phantasie – aber der neue Glaube, der nicht semantisch befragt, sondern glauben will, begeistert sich enthusiastisch für ein Reich des »Virtuellen«.
Auch der Reichtum an Texten und Bildern ist nicht neu, sondern explodiert seit 150 Jahren in Wellen immer stärker.

Verhaltens-Weisen. Fiktion und Bilder-Flut hatte immer schon sowohl zu Möglichkeiten wie zu Irritationen geführt. Es war eine Illusion, daß dabei die möglichen Fortschritte in der Mehrheit waren. Die Fülle kann sich gegenseitig relativieren. Dann verkürzt sie die Räume. Die Hochgeschwindigkeit kürzt oder tilgt alles einzelne zu Blitzen. Viele Menschen reagieren mit Abstumpfung der Wahrnehmung, mit Gleichgültigkeit und wenden sich von der sinnlichen Erscheinung ab.

Unsicherheit im Werkbund. Auch im Werkbund gibt es viel Irritation. Manchmal scheint es unmöglich zu sein, der Behauptung zu widerstehen, daß alles Konkrete nichts mehr gilt. Gibt es tatsächlich eine »Ästhetik des Verschwindens«?(1) Es dauert einige Zeit, bis sich aus einer oft resignierenden Unsicherheit dann doch eine Einsicht entwickelt: daß das eine das eine sei und das andere das andere.

Gegen das Verschwinden organisieren einige Werkbünde Widerstand: indem sie sich mit konkreten Stadt-Erfahrungen beschäftigen. In Berlin (1986 ff.), Frankfurt und in anderen Städten finden Stadt-Begehungen statt – mit Werkstatt-Gesprächen.

Historisches Lernfeld. In einem langen, intensiven Prozeß entwickelt sich seit 1968 eine neue Denk-Methode: an die Stelle des Planens ›auf dem leergefegten Tisch‹ (tabula rasa) versucht nun das ›Denken in Potentialen‹ Fuß zu fassen und sich auszubreiten. Dies beginnt 1972 mit der Diskussion über die bedrohten Alt-Städte und Arbeiter-Siedlungen. Gruppen und Einzelne aus vielen Hochschulen studieren Lebens-Wirklichkeit und Lebens-Stile (noch bevor es den Begriff gibt) – und wie sie sich stadtplanerisch und architektonisch ausdrücken. Hier lernen Planer, die vorhandenen Potentiale intensiv und genau zu untersuchen, sie zu ordnen und weiterzuentwickeln. Das Neue erhält einen anderen Stellenwert: es erscheint nicht mehr als Überfall, der alles Alte verdrängt, auch nicht als ein Macht-Prozeß, der die Betroffenen ausschließt, sondern es bietet sich in einem Lern-Prozeß an – es operiert mit dem Ziel der Synthese.

Städtebau-Ministerium NW. Dieses Planungs-Denken in Potentialen findet sich in der Politik und Praxis des Städtebau-Ministeriums Nordrhein-Westfalen an, das von Karl Ganser und Minister Christoph Zöpel geführt wird.
Mental zugrunde liegt ihm die Arbeit der Bürger-Bewegung in den 1970er Jahren, die in Zusammenhang mit dem Werkbund steht. Karl Ganser ist Werkbund-Mitglied, Christoph Zöpel wird später Ehren-Mitglied. Ihre Politik in einer Dekade von 1980 bis 1990 ist eine Ausnahme in der bundesdeutschen Wirklichkeit, die sich sonst eher als eine »bleierne Zeit« charakterisieren läßt.

Ressorcen-Umnutzung. In Nordrhein-Westfalen entsteht ein neuer Typ an politischem Denken und Handeln: durch Ressourcen-Umnutzung. Ein Beispiel: Zur Landes-Garten-Schau 1984 wird mit dem Ziel der Nachnutzung ein Veranstaltungs-Zentrum und Erholungs-Park angelegt: der Maximilianpark in Hamm-Werries. Das umfangreiche Rekultivierungs-Projekt wandelt eine seit Absaufen (1917) der Schacht-Anlage bestehende Industrie-Brache der Zeche Maximilian (1902 von der Maximilianhütte AG) um: in einen Landschafts-Park mit einer nachhaltigen ökologischen Zielsetzung.

Einfluß des Werkbunds? Nur Blindheit kann behaupten, er habe keinen Einfluß gehabt. Erkennbar ist in der Werkbund-Geschichte, daß wohl kaum eine andere Vereinigung so dicht an den brisanten Themen der eigenen Zeit dran ist. Auch so früh. Und so lange. Selbst in Zeiten großer Unsicherheit. Dabei ist ihre pluralistische Aufstellung nützlich: Wenn ein Flügel lahmt, gibt es immer einen anderen, der tätig ist.
Das Problem des Werkbunds ist das Handeln. Erkennbar ist, daß es meist bei der Analyse bleibt. Und daß die eigenen Kräfte ständig überschätzt werden – daraus entsteht Frustration. Aber ein Problem ist auch, daß man oft nicht hinschaut, wo gehandelt wird – zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen.


Anmerkung:

1    Paul Virilio, Esthétique de la disparation. Paris 1980. Ästhetik des Verschwindens. Berlin 1986. – Rainer Goetz, »Werkstatt – angesichts einer Ästhetik des Verschwindens«. In: werkundzeit 2/91, 1/4.


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